100 F&A: Behinderung & Lesen Teil 1

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Mit die­sem Beitrag beginnt der Fragenblock zum Tema Behinderung & LesenWieso ist das Thema Behinderung für mich wich­tig?

Diejenigen, die mei­nem Blog schon etwas län­ger fol­gen, wer­den wis­sen, dass ich mit einer Behinderung lebe, und auf einen Rollstuhl ange­wie­sen bin. Ausführlicher berich­te ich auf mei­nem Schwesterblog über die Behinderung und allem mög­li­chen, was die­se so mit­bringt. Hier auf dem Buchblog möch­te ich natür­lich eher dar­über reflek­tie­ren, was mir die Buchwelt im Zusammenhang mit mei­ner Behinderung bedeu­tet. Ich bin mir aber sicher, dass auch ihr Leser und Leserinnen ohne Behinderung die ein oder ande­re Frage für euch in Zusammenhang brin­gen könnt.

Für die „Erstellung mei­ner Leselandkarte“ ist das Thema sicher­lich von Bedeutung, wes­halb es auch einen sol­chen Frageblock gibt, der aus drei Teilen bestehen wird.

61. Welche Rolle spielt Lesen in deinem Leben als Rollstuhlfahrer?

Grundsätzlich spielt es natür­lich kei­ne Rolle, ob ich behin­dert bin oder nicht, um mich dem Lesen als Hobby zuzu­wen­den. Einzig eine Sehbehinderung stellt hier Hürden auf, denn erblin­de­te Menschen sind auf Hörbücher und Hörspiele ange­wie­sen, deren Atmosphäre und Stimmung stark von den Sprechern abhän­gig ist.

Es ist eher so, dass mei­ne Introversion eine Rolle spielt. Ich den­ke, dass intro­ver­tier­te Menschen so oder so eher zum Lesen nei­gen als extro­ver­tier­te.

62. Gibt dir Lesen Freiheit?

Ja, natür­lich bedeu­tet Lesen Freiheit. Nicht immer und nur bei bestimm­ten Büchern, aber es ist schon so, dass ich mich aus mei­ner Realität ent­fer­ne und in eine ande­re ein­drin­ge.

63. Hat deine Behinderung deinen Zugang zu Büchern verändert?

Nein, das macht kaum einen Unterschied. Wie zwei Fragen zuvor erwähnt, dürf­te es eher mei­ne Introversion gewe­sen sein, die mich schon früh hat zu den Büchern hin­zie­hen las­sen. Oder adners­her­um.

64. Gibt es Bücher, die dich besonders verstanden fühlen lassen?

Ja, die gibt es tat­säch­lich. Und zwar in jeg­li­cher Hinsicht. Es gibt Bücher, in denen Kinder von einer ver­korks­ten Kindheit berich­ten, es gibt Bücher über Begleiterkrankungen wie die Depression, über Persönlichkeitsmerkmale wie die Introversion, über behin­der­te Menschen und über Familien mit ihren Besonderheiten.
Nicht zuletzt sind es Graphic Novels oder gar Kinder- und Bilderbücher, die die­se Themen auf­grei­fen und so zei­gen, wie ich emp­fun­den habe.

65. Fühlst du dich in Büchern repräsentiert?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass je prä­sen­ter behin­der­te Menschen in einer Umgebung sind, umso selbst­ver­ständ­li­cher wer­den sie mit­samt ihren all­täg­li­chen Hürden wahr­ge­nom­men. Wenn ich nur hin und wie­der an einem Ort auf­tau­che, dann bin ich ein Exot. Wenn ich mehr­fach und viel­leicht sogar mit ande­ren behin­der­ten Menschen irgend­wo auf­tau­che, dann wer­de nicht nur ich sicht­bar, son­dern mit mir zugleich vie­le ande­re behin­der­te Menschen.

Und tat­säch­lich wün­sche ich mir, dass Autoren viel mehr behin­der­te Menschen in ihren Geschichten ein­bau­en. Und zwar als „nor­ma­les“ Mitglied der Gesellschaft, ohne dass die Behinderung als etwas ganz Besonderes the­ma­ti­siert wird.

66. Welche Darstellung von Behinderung wünschst du dir in Büchern?

Ich wün­sche mir zual­ler­erst, dass behin­der­te Menschen öfters in Geschichten ein­ge­baut wer­den, ohne dass die Behinderung eine zen­tra­le Rolle spielt, aber einen Einfluss hat, wenn z.B. die Figur mit Prothese nicht ewig lan­ge wan­dern kann oder der Rollstuhlfahrer nicht in die Disco im Keller gelangt oder der erblin­de­te Recke den­noch mit dem Schwert umgeht.

Menschen mit Behinderung soll­ten in Geschichten nicht als Opfer dar­ge­stellt wer­den, deren Leben nicht lebens­wert ist. Natürlich gibt es auch jene, die mit ihrem Schicksal hadern, aber auch jene kann man geschickt in die Erzählung ein­flech­ten.

67. Gibt es eine Figur mit Behinderung, die dir wichtig ist?

Nein, ehr­lich gesagt nicht.

Meine Beitragsreihe “100 Fragen 100 Antworten” mit 120 Fragen und Antworten ist nicht nur für euch gedacht, son­dern auch für mich selbst. Nicht unbe­dingt im Sinne einer eso­te­ri­schen Selbstfindung, son­dern viel­mehr für das Erstellen einer “Landkarte mei­ner Lesegewohnheiten.” Damit lernt nicht nur ihr mich bes­ser ken­nen, son­dern auch ich mich selbst.

Alle Beiträge der Reihe samm­le ich in einer Übersicht.

3 Kommentare

  1. Schönen guten Morgen Frank!

    Ich hab die­se Reihe auf dei­nem Blog ger­ne ver­folgt – wobei ich auch zuge­ben muss, dass 100 Fragen schon ganz schön viel sind, um da am Ball zu blei­ben. Auch wenn sie in klei­nen Häppchen kom­men.
    Hier war ich jetzt aber schon neu­gie­rig, was du zu sagen hast, eben weil ich selbst hier kei­nen Einblick habe.

    Mittlerweile weiß man (bzw. ich) auch oft gar nicht mehr, was ich sagen darf, was ich anspre­chen oder fra­gen darf – der eine fin­det es auf­dring­lich, der ande­re ist belei­digt eben weil man nichts sagt… also eigent­lich wie mit allem ^^

    Jedenfalls fin­de ich es toll dass du die­ses Thema hier mit ein­ge­baut hast und immer offen sprichst. Dass Behinderungen in Büchern wenig prä­sent sind, fin­de ich auch scha­de. Ich hab schon über­legt, wäh­rend ich dei­nen Beitrag gele­sen habe, bei wel­chen Büchern das inte­griert wur­de… da fiel mir nur Cormoran Strike ein, die Krimireihe von J. K. Rowling. Hier fehlt dem Ermittler das hal­be Bein, was nicht fokus­siert wird, es sind ja Krimis, aber es spielt den­noch immer wie­der mal eine Rolle, gera­de bei Beschattungen und Verfolgungen. Und es wird auch ange­spro­chen, dass er damit zu kämp­fen hat, sein Leben aber auch so gut meis­tert.
    Und in Rotkäppchen von Christina Henry, hier weiß ich aber tat­säch­lich nicht mehr, was das war. Das hab ich auch nicht in mei­ner Rezension erwähnt, aber irgend­was war hier…
    Achja, und ich hab auch von 1–2 Krimis / Thrillern gehört, in dem eine Person blind ist und dadurch leich­ter beein­fluss­bar sind bzw. “hin­ters licht zu füh­ren” – mir ist jetzt gra­de kei­ne ande­re Metapher ein­ge­fal­len…

    Jedenfalls: toll dass du so offen damit umgehst und jedem die Möglichkeit bie­test, sich mehr damit zu beschäf­ti­gen und mehr Feingefühl zu ent­wi­ckeln 🙂

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Guten Morgen Aleshanee,

      da muss ich Dir lei­der recht geben, vor allem, wenn Du nicht in der “Behindertenblase” steckst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es umso ein­fa­cher ist, umso prä­sen­ter behin­der­te Menschen sind. Deshalb brin­ge ich das auch hier mal zur Sprache, ver­su­che dabei aber nicht zu auf­dring­lich sein. Aber meist sind Behinderte deut­lich umgäng­li­cher als man denkt. Wenn man mit ihnen spricht.

      Es freut mich, dass die Beitrage bei Dir gut ankom­men und das auch die­ses Thema Interesse bei Dir weckt. Ich gehö­re näm­lich nicht zu jenen, die for­dern, dass alles bar­rie­re­frei sein muss. Es reicht mir schon, dass die Dinge des all­täg­li­chen Lebens wie Tankstellen oder Ärzte bar­rie­re­frei sind (was lei­der nicht immer der Fall ist). Und wenn mei­ne Mitmenschen mir kei­ne Barrieren schaf­fen, die ver­meid­bar sind und die ein­fach aus Gedankenlosigkeit ent­ste­hen, weil nie­mand dar­an denkt, dass dort auch ein Rollstuhlfahrer oder ein Kinderwagen durch­pas­sen muss.

      Bei den Büchern fal­len mir spon­tan die Fantasybücher ein. Tad Williams hat eigent­lich immer wen mit einer Behinderung dabei. Auch Markus Heitz und Sebastian Fitzek bau­en immer wie­der mal behin­der­te Menschen in ihre Geschichten ein. Und wenn Du den Begriff etwas wei­ter fasst und z.B. demen­te älte­re Menschen hin­zu­zählst, fal­len noch mehr Personen in die­sem Bereich. Oder die vie­len unsicht­ba­ren Behinderungen, wie z.B. Autismus, die eben­falls Barrieren über­win­den müs­sen, die eben nicht sicht­bar sind.

      Ich wün­sche mir, dass mei­ne Mitmenschen ein­fach nur hier und da mal an ande­re Mitmenschen den­ken, ohne aber dass die Thematik omni­prä­sent sein muss. Und von der Politik wün­sche ich mir, dass die Behindertenpolitik nicht so sträf­lich ver­nach­läs­sigt wird, aber das gehört nicht mehr auf mei­nen Buchblog 🙂

      Ich wün­sche Dir auf jeden Fall ein schö­nes Wochenende und genie­ße die letz­ten son­ni­gen Tage des Sommers.

      Herzliche Grüße
      Frank

      1. Es haben vie­le Menschen ein­fach Hemmungen, war­um auch immer. Ich den­ke, das hat ganz ver­schie­de­ne Gründe. Und Behinderte sind genau­so umgäng­lich oder nicht wie alle ande­ren Menschen – ich hab da auch schon alles erlebt 🙂

        Ich kann mir gut vor­stel­len, dass sol­che Barrieren extrem ärger­lich sind. Aber ich per­sön­lich den­ke da tat­säch­lich auch nicht wirk­lich dar­an, weil ich per­sön­lich nicht damit kon­fron­tiert bin… also ich par­ke jetzt kei­nen Gehweg zu, aber ande­re Sachen, die nicht so “auf­fäl­lig” sind, gehen bei mir wahr­schein­lich durch. Was du wahr­schein­lich sofort merkst.

        Tad Williams, Heitz oder Fitzek wären mir jetzt tat­säch­lich nicht ein­ge­fal­len… ich höre seit heu­te das Hörbuch “Das Signal” von Ursula Poznanski, da muss­ten sie bei der Hauptfigur durch einen Unfall ein hal­bes Bein ampu­tie­ren. Das ist auch für die Handlung wich­tig. Allerdings fin­de ich, dass das hier nicht sehr wirk­lich­keits­ge­treu ist. Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass das nach 1–2 Wochen vom Kopf her akzep­tiert und okay ist…
        Andere , vor allem psy­chi­sche Behinderungen, kom­men häu­fi­ger vor. Zumindest fal­len sie mir öfter auf.

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