Tödliche Gewalt von Männern an Frauen, wird insbesondere dann als Femizid bezeichnet, wenn dies aus der Motivation heraus geschieht, dass der Mann die Frau als sein Eigentum betrachtet, und diese nicht nach seinem Willen handelt. Es passiert leider viel zu oft, dass Frauen unter der Gewaltherrschaft der Männer in den Haushalten leiden müssen. Und leider kommt es immer wieder vor, dass die Kinder diese Gewalt miterleben müssen.
Die neunjährige Maja ist ein solches Kind, das die Tötung seiner Mutter Emma durch ihren Vater Frank miterleben musste. Dieser emotional aufwühlende Roman betrachtet diese Lebenssituation des Mädchens aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven. Der Mord ist nicht nur ein traumatisches Erlebnis für das Kind, sondern für das gesamte Umfeld der ermordeten Mutter. Und sei dies nicht schon genug für das Kind, so kämpfen zusätzlich die Großeltern um das Sorgerecht des Kindes, wobei die Gerichte in ihren Beurteilungen mitnichten immer das Kindeswohl im Blick haben.
Alle Bücher, die ich bisher von Jasmin Schreiber gelesen habe, sind mir zu Herzen gegangen. Sie schafft es, sehr emotional über Lebenssituationen zu schreiben, die wir Menschen am liebsten nicht miterleben möchten. Allein die Szene, in der die Autorin vom Tod des Hundes (und wie sie im Anhang andeutet auch ihres Hundes) schreibt, kann keinen Leser kalt lassen. Die Autorin schafft es, sehr einfühlsam und empathisch zu zeigen, wie sehr das Umfeld rund um das Mädchen und natürlich Maja selbst, an dieser Lebenssituation zu knabbern haben.
Dabei kommen immer wieder auch gesellschaftliche Aspekte zur Sprache, wenn es um Gewalt innerhalb von Familien im Allgemeinen und an Frauen im Besonderen geht. Auch hier schafft es die Autorin, dass der Blick des Lesers geschärft wird für eine Realität, die leider häufiger vorkommt, als man vielleicht denken mag.
Ich fand die Idee sehr gut umgesetzt, immer wieder die Perspektive zu wechseln und auch vor Zeitsprüngen nicht halt zu machen, so dass sich nach und nach ein Bild von der gesamten Situation ergibt, inklusive tiefer Einblicke in das Innerste der Betroffenen, deren Motivationen so offen wie nur irgend möglich gezeigt werden
Fazit
Dieser Roman berührt und zeigt gleichzeitig, woran unsere Gesellschaft krankt. Ich fand aber auch die emotionale Ebene des Romans sehr ansprechend. So sehr, dass ich schon fast dazu geneigt bin, eine Triggerwarnung auszusprechen, denn dieser Roman kann schwierige Gefühle verstärken, wenn man selbst in einer ähnlichen Situation ist oder war. Ich als Leser möchte emotional angesprochen werden, und auch mit Themen konfrontiert werden, die sich nicht einfach in eine Geschichte einfassen lassen. Aber Jasmin Schreiber hat wieder einmal bewiesen, wie gut und treffsicher, sie mit Worten umgehen kann. Sicherlich ein Highlight in der Buchwelt.
Titel: Da, wo ich dich sehen kann
Autor: Schreiber, Jasmin
Genre: Belletristik
Seitenzahl: 433
Verlag: Eichborn
Herkunft: Deutschland
Jahr: 2025
Ich teile an dieser Stelle gerne die Informationen zu Hilfsangeboten für Frauen, die die Autorin am Ende ihres Romans angegeben hat. Hier in Kurzform die Hilfsangebote aus Deutschland. Im Buch finden sich auch Angebote aus Österreich und der Schweiz.
- Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« 116 016
- Montag bis Sonntag von 12 bis 20 Uhr gibt es einen Chat unter hilfetelefon.de.
- Über die nora-App kann jederzeit einen Notruf abgesetzt werden, ohne telefonieren zu müssen.
- frauenhauskoordinierung.de Übersicht über Beratungsstellen freie Frauenhausplätze
- frauen-gegen-gewalt.de Übersicht über Beratungsstellen
Es kommt zwar seltener vor, aber auch Männer leiden unter häuslicher Gewalt und auch für Männer gibt es Hilfsangebote.
- Hilfetelefon »Gewalt an Männern« 0800 1239900
- Chat: maennerhilfetelefon.de
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Der Büchernarr schreibt hauptsächlich über Bücher aus den Genres Fantasy und Horror. Manchmal schleichen sich Bücher anderer Genres in diesen Buchblog ein, so dass hier auch Biografien, historische Romane oder Kinderbücher zu finden sind.
Hallo Frank,
wow, das ist ein hartes und zugleich sehr WICHTIGES Thema.
Deine Rezension hat mich in jedem Fall neugierig gemacht und ich werde mir das Werk einfach mal auf die WuLi setzen, auch wenn ich dieses Jahr erst einmal mehr vom SuB lesen möchte, als einziehen zu lassen.
Ich bin wahrscheinlich eine der wenigen glücklichen Frauen, die dieses Erfahrung bisher nicht machen musste. Ich hatte vor etwas 20 Jahren mal einen Freund, der im Streit die Hand erhoben hat. Das war der Moment für mich, an dem ich ihm die Tür gezeigt und gebeten habe, sie von außen zu schließen und sich nicht mehr blicken zu lassen.
Ein paar Jahre später konnte ich glücklicherweise recht schnell durch die versuchte narzistische Manipulation eines weiteren Mannes schauen und habe mich von ihm getrennt. Hier habe ich einfach auf mein Bauchgefühl gehört.
Vielen Dank für deine Rezension.
Cheerio
RoXXie
Hallo Frank!
Ich hab von der Autorin ja leider noch nichts gelesen, dabei gibt es einiges von ihr, das mich neugierig macht. Solche Themen meide ich ja meist. Zum einen weiß ich darüber genug Bescheid, um mir hier kein neues Wissen aneignen zu müssen und zum anderen möchte ich beim Lesen nicht so viel (mit)leiden. Es ist aber definitiv ein sehr wichtiges Thema, denn Gewalt in Familien gibt es immer und überall um uns herum und in der ganzen Welt und viel zu oft bekommt das alles niemand mit. Traumatisch für alle Beteiligten.
Vielen Dank für die Buchvorstellung!
Liebste Grüße, Aleshanee