In einem Flüchtlingszentrum in der Kleinstadt Zaandam nördlich von Amsterdam traf irgendwann im Jahre 2016 Akram Al Saud auf Uğur Ümit Üngör, der Erfahrungsberichte über Erfahrungen unter dem Assad-Regime sammelte. Das führte schlussendlich dazu, dass er mit Tobi Dahmen in Verbindung gebracht wurde, mit dem er im Laufe der Jahre 2023 und 24 seine Lebensgeschichte aufschrieb. Die genauen Umstände werden am Ende der Graphic Novel näher erläutert.
Akram Al Saud ist sunnitischer Araber und wurde 1990 im syrischen Deir ez-Zor geboren und wuchs dort und später in Damaskus auf. Seine eigentliche Geschichte, die er als Erinnerungskultur erzählen möchte, begann 2009 mit seinem Architektur-Studium in Aleppo. Dort wurde er im März 2010 zum ersten Mal verhaftet. Schon an diesem Punkt erfährt der Leser, wie es unter dem Assad-Regime zuging. Es gab wohl vier Geheimdienste, die nicht miteinander arbeiteten und die sich nicht zu erkennen gaben. Er wurde ohne Angabe von Gründen festgenommen, verschleppt und in einem Militärgefängnis untergebracht. Dort wurde er unter unwürdigsten Bedingungen festgehalten und gefoltert.
Tobi Dahmen erzählt in dieser Graphic Novel, wie die Interviews abliefen und versucht mit einigen visuellen Ideen klarzumachen, wie das Inhaftierungs- und Foltersystem unter dem Assad-Regime funktionierte. Auch wenn er keine direkten Gewaltdarstellungen gezeichnet hat, so wird doch mehrfach deutlich, welches Martyrium Akram erlebt hatte. Zart besaitete Leser können hier durchaus an ihre Grenzen kommen, denn auch die weiteren Inhaftierungen verliefen ähnlich.
Nur kurz berichtet Akram von seiner Flucht über die Türkei, das Mittelmeer und die Bosporus-Route in die Niederlande und nur eine einzige Kachel hat bei mir Bestürzung ausgelöst. Als er sich in München vollkommen entblößen musste, Frauen und Kinder im Gemeinschaftsschlafsaal mit den Männern übernachten mussten und der Polizeibeamte zur Mutter sagte, dass sie doch zu Assad zurückkehren könne, wenn es ihr in Deutschland nicht gefiele. So weit ist es in Deutschland also schon gekommen.
Ab Seite 80 folgen die Anhänge mit einem Glossar, Karten der Region und Akrams Fluchtroute, eine Darstellung syrischer Verhältnisse von Uğur Ümit Üngör, einem kurzen Text von Akram Al Saud, ein Bericht von Tobi Dahmen über die Gespräche mit Akram und einem Schlusswort der Herausgeber Uğur Ümit Üngör und Charlotte Schallié.
Dieser Anhang mit seinen umfangreichen gedruckten Texten zeigt nicht nur, wie diese Graphic Novel entstanden ist, sondern gibt weitere Hintergründe zu den Taten und Ereignissen in Syrien, von denen wir uns Westeuropäer kaum eine Vorstellung von machen können. Was nicht zuletzt auch daran ersichtlich wurde, als nach dem Sturz des Assad-Regimes Stimmen laut wurden, die in Europa lebenden Syrier in ihre nicht mehr existierende Heimat zurückzuschicken.
Achtung
Dieses Buch enthält explizite Beschreibungen von psychischer Gewalt und ist somit nicht für minderjährige oder zart besaitete Leser zur eingeschränkt geeignet.
Titel: Al-Fazia’ – Das Grauen: Überleben in Syriens Gefängnissen
Autor: Dahmen, Tobi; Al Saud, Akram
Illustrator: Dahmen, Tobi
Genre: Biografie / Graphic Novel
Seitenzahl: 128
Verlag: Carlsen Verlag
Band: 1 von 1
Originaltitel: Al-Fazia‘: the Horror: Surviving Syria’s Prisons
Übersetzer: Jan Dinter
Herkunft: Niederlande
Jahr: 2026 (org./dt.)
Herausgegeben von Charlotte Schallié und Uğur Ümit Üngör.
Die Graphic Novel erscheint zuerst auf Deutsch und am 03.11.2026 auf Englisch.
Dieses Buch ist Teil von »Survivor-Centred Visual Narratives«, einem internationalen, kunstgestützten Forschungsprojekt, das visuelles Storytelling in Comics als eine auf Zuwendung basierende Strategie und Methodik auslotet, um die Stimmen von Überlebenden von Völkermord und Massengewalt sichtbar zu machen.
In meiner persönlichen Übersicht der empfehlenswerten Comics und Graphic Novels finden sich viele lesenswerte und zum Teil sehr beeindruckende Werke, die alle auf ihre Art und Weise einen Blick wert sind.
Diese Graphic Novel beim Carlsen Verlag. (unbezahlter Infolink)
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