[Biografie] Die Weltenerschaffer

Ich kann mich noch sehr gut dar­an erin­nern, dass vie­le über J.R.R. Tolkien her­ge­zo­gen sind, als die Verfilmungen von Peter Jackson im Kino anlie­fen, dass er sich „ganz dreist“ diver­sen Mythen bedient hat­te, um sei­ne Geschichte zu schrei­ben. Ja, hat er und in die­sem Buch erfährt der Leser auch war­um, und zugleich, war­um dies zu kurz gedacht ist.

Der Autor und Illustrator John Hendrix hat sich den bei­den Autoren gewid­met, die für ein Genre weg­wei­sen­de Werke geschrie­ben haben und die ihn selbst in der Kindheit geprägt haben. Er wähl­te dafür ein Format, dass ich am ehes­ten als erzäh­len­de Sach-Graphic-Novel bezeich­nen wür­de. Es gibt immer wie­der Abschnitte, in dem einer Graphic Novel gleich ein Löwe und ein Zauberer eini­ge Hintergründe erklä­ren, wäh­rend dann bio­gra­fi­sche Abschnitte als Fließtext bzw. illus­trier­ter Fließtext ein­ge­fügt wur­den.

Dieses Buch ist also rela­tiv text­las­tig, was auch von­nö­ten ist, um die Hintergründe der bei­den Autoren ken­nen­zu­ler­nen. So haben z.B. bei­de wäh­rend des Ersten Weltkriegs in den Schützengräben gekämpft und kamen schwer­ver­letzt und gezeich­net von die­sen Gräueltaten geprägt nach Hause zurück.

In die­sem Buch wer­den aber nicht nur die Leben und die Freundschaft zwi­schen den bei­den the­ma­ti­siert, son­dern der Autor geht auch auf zahl­rei­che theo­re­ti­sche lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Dispute ein, über die die bei­den dis­ku­tier­ten.

Tolkien hielt Märchen nicht für Geschichten für Kinder, womit er Recht hat­te, denn die Geschichten unter­hiel­ten ursprüng­lich Erwachsene und Kinder glei­cher­ma­ßen. Für Tolkien waren Märchen dafür geschrie­ben, den Leser an einen Ort zu füh­ren, wo ihm Flucht (vor den täg­li­chen Sorgen), Trost (fin­den in der Sehnsucht nach Hoffnung und Staunen) und Heilung wider­fah­ren soll­te. Vielleicht bin ich des­halb so emp­fäng­lich für sei­ne Geschichten, weil ich ihn da voll und ganz ver­ste­he. Das war aber der Kerngedanke, den er mit „Der Herr der Ringe“ errei­chen woll­te.

Tolkien und Lewis grün­de­ten einen Club, der sich „Inklings“ nann­te und sich zwei­mal pro Woche traf. Hier tra­fen sie sich mit ande­ren mehr oder weni­ger berühm­ten Autoren und fabu­lier­ten über ihre Texte. Hier ent­stan­den ver­mut­lich sehr vie­le Ideen, die sich spä­ter in Mittelerde und Narnia wie­der­fan­den. Der Club hielt sich wacker bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, bis sich Tolkien und Lewis ab etwa 1940 immer wei­ter von­ein­an­der ent­fern­ten. Dies war auch eine Zeit, in der Lewis sehr pro­duk­tiv war und etli­che Werke ver­fass­te und ver­öf­fent­lich­te, wäh­rend Tolkien in sei­nem Herrn der Ringe ste­cken blieb.

Es soll­te aber noch neun wei­te­re Jahre dau­ern, bis sich der Club auf­lös­te. Eine Zeit, in der sich die bei­den eins­ti­gen Freunde recht hef­tig angin­gen. Nachdem bei­de ihre Hauptwerke ver­öf­fent­licht hat­ten, wur­de ihre Freundschaft mit der Heirat von Lewis, die er Tolkien ver­schwieg, end­gül­tig zer­stört.

Fazit

Der Leser muss nicht nur ger­ne Biografien lesen, son­dern sich auch der ein oder ande­ren theo­re­ti­schen lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Auseinandersetzung stel­len kön­nen. Außerdem muss der Leser die­sem außer­ge­wöhn­li­chen Format nicht abge­neigt sein. Dann erfah­ren hier nicht nur Fans der bei­den Autoren, wie weg­wei­sen­de Literatur in sehr unru­hi­gen Zeiten ent­stan­den ist.

Ein wenig aus dem Kontext geris­sen, erin­ner­te mich die­se Passage erschre­ckend genau an heu­ti­ge krie­ge­ri­sche Auseinandersetzungen.

„Im September 1939 mar­schier­te Adolf Hitler in Polen ein. Unter dem Vorwand, sich ver­tei­di­gen zu müs­sen, stürm­ten Panzer die Grenze. Die über­mäch­ti­ge Streitmacht durch­brach die pol­ni­schen Verteidigungslinien und hin­ter­ließ ver­wüs­te­te Landschaften. Der Zweite Weltkrieg begann mit einer dreis­ten Aggression.“ (Seite 136)

cover

Titel: Die Weltenerschaffer: Von Mittelerde bis Narnia: Die fan­tas­ti­sche Freundschaft von C.S. Lewis & J.R.R. Tolkien
Autor: Hendrix, John
Genre: Biografie / erzäh­len­de Sach-Graphic-Novel
Seitenzahl: 224
Verlag: Knesebeck

Originaltitel: The Mythmakers
Übersetzer: Anna Opel
Herkunft: England
Jahr: 2024 / 2026 (org./dt.)

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