Ich glaube, dass dieser Teil des Holocausts relativ unbekannt ist. Es waren nicht nur die Deutschen, die die Juden an der Ausreise aus dem Dritten Reich gehindert haben, sondern es gab schlussendlich kaum noch einen Staat, der Flüchtlinge aus Deutschland aufnahm.
Die Irrfahrt der St. Louis machte dies ganz besonders deutlich. 937 Juden sollten (als Propaganda-Aktion) mit diesem Luxusdampfer nach Kuba verschifft werden. Aber weder Kuba noch die USA noch Kanada wollten die Menschen in ihrem Land aufnehmen. Erst als das Schiff zurück nach Europa fuhr, wurde ihnen die Einreise in Frankreich, Belgien, Holland und England gestattet. Nur um dann nach Kriegsbeginn wieder im Herrschaftsbereichs des NS-Regims um ihr Leben bangen zu müssen.
Diese Graphic Novel ist ein sehr geeignetes Medium, um die Erinnerung an diesen Vorgang zu bewahren. Sie ist sehr visuell und kommt mit wenig Text aus. Genau richtig für eine lesefaule Leserschaft. Ich fand die Idee ganz gut, denn oftmals schaffen es Bilder in der Tat ohne Worte auszukommen. Aber natürlich werden bestimmte Szenen mit Texten untermauert.
In diesem Buch kommen die Taten des Kapitäns sehr deutlich zur Geltung, der alles in seiner Macht stehende versucht hat, um die Menschen in einen sicheren Hafen zu fahren, was in diesem Fall erschreckend sprichwörtlich gemeint ist. Was ein wenig auf der Strecke bleibt, sind die emotionalen Achterbahnfahrten der Passagiere, die zuerst voller Hoffnung waren und dann wie ein ungeliebter Spielball hin- und hergestoßen wurden. (Das erklärt immerhin den italienischen Originaltitel “Il coraggio di un capitano”, was übersetzt “Der Mut eines Kapitäns” heißt.)
Fazit
Es war damals schon unglaublich, wie Flüchtlinge in keinem Land Zuflucht fanden und es ist es heutzutage immer noch. Die Staatengemeinschaft ist groß genug, um gemeinsam humanitären Katastrophen zu begegnen. Mit nationalen Alleingängen funktioniert dies nicht. Diese Graphic Novel möchte erinnern, aber auch mahnen, dass die Fehler der Vergangenheit nicht regelmäßig aus Neue gemacht werden müssen.
Aus dem Vorwort von Marco Caviglia:
„Bis zum Augenblick des Erscheinens dieser Graphic Novel hat die Stiftung Shoah Museum in Rom eng mit den Autoren Sara Dellabella und Alessio Lo Manto zusammengearbeitet, um die Geschichte des Schiffes St. Louis und seiner unglückseligen Passagiere in den Schulen bekannt zu machen.“
Am Ende findet sich ein Interview mit Dr. Sol Messinger, einem Überlebenden der St. Louis. Aus diesem Interview stammt folgendes Zitat:
„Die Vereinigten Staaten sind ein Land von Einwanderern, so gut wie alle Bürger der USA waren einmal Immigranten, aber 900 verzweifelten Menschen hat man den Zugang ins Land verweigert. […] Ich glaube, dies ist eines der beschämendsten Kapitel der amerikanischen Geschichte […]“
Es ist seine Geschichte, die in der Graphic Novel zumindest zum Teil erzählt wird.
Am 07.11.2018 entschuldigt sich der kanadische Premierminister Justin Trudeau, dass Kanada seinerzeit keine Flüchtlinge mehr aufgenommen hat. Der gesamte Text der Entschuldigung wurde ebenfalls am Ende abgedruckt.
Der Kapitän der St. Louis Gustav Schröder bekommt 1957 von der Bundesrepublik Deutschland das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Die geschieht „für Verdienste um Volk und Land bei der Rettung von Emigranten“. 1993 wird er posthum vom Staate Israel in Yad Vashem in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen. Diese und weitere Informationen finden sich am Ende des Buchs.
Titel: Die Irrfahrt der St. Louis: Die wahre Geschichte eines mutigen Kapitäns und seiner jüdischen Passagiere
Autor: Dellabella, Sara
Illustrator: Lo Manto, Alessio
Genre: Drama / historische Graphic Novel
Seitenzahl: 112
Verlag: KnesebeckVerlag
Originaltitel: St. Louis. Il coraggio di un capitano
Übersetzer: Anja Kootz
Herkunft: Italien
Jahr: 2021 / 2026 (org./dt.)
Dieses Buch wurde mir über die Plattform Netgalley als E‑Book zur Verfügung gestellt. NetGalley gibt keinerlei Vorgaben über die Art und Weise, wie Bücher bewertet oder vorgestellt werden. Mehr Infos dazu auf der Seite “Über diesen Blog”.
In meiner persönlichen Übersicht der empfehlenswerten Comics und Graphic Novels finden sich viele lesenswerte und zum Teil sehr beeindruckende Werke, die alle auf ihre Art und Weise einen Blick wert sind.
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