Mit diesem Beitrag schaue ich auf drei große High-Fantasy-Epen und vergleiche drei Könige, die unterschiedlicher nicht sein können. Schon deren Namen verraten so einiges.
- Aragorn II Elessar Telcontar, Sohn des Arathorn, Isildurs Erbe und König Elessar von Gondor und Arnor aus Mittelerde.
- Fitz Chivalry Farseer, auch bekannt als der Königsmörder, Tom Badgerlock, Lord Golden oder der Mann mit den Narben aus dem Reich der Uralten.
- Simon Snowlocker (Schneelocke) für als Mondkalb bezeichnet aus Osten Ard.
Aragorn, Simon und Fitz stehen alle im Zentrum großer Umbrüche ihrer jeweiligen Welt, doch sie verkörpern drei sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, was es bedeutet, Verantwortung zu tragen. Während Aragorn von Anfang an als der „versteckte König“ existiert, der seine Bestimmung kennt und ihr mit wachsender Entschlossenheit entgegengeht, erleben Simon und Fitz ihre Rolle zunächst als etwas Unklares oder Belastendes, das sich ihnen erst nach und nach – oder widerwillig – offenbart.
Aragorn ist von Beginn an durch Herkunft und Selbstkenntnis definiert. Auch wenn er lange im Schatten lebt, zweifelt er kaum an der Rechtmäßigkeit seiner Aufgabe. Seine Entwicklung besteht weniger darin, herauszufinden, wer er ist, als darin, den richtigen Moment zu erkennen, wann er sein muss, was er bereits ist. Damit ist Aragorn eine fast archetypische Figur: Er vereint Pflicht, Würde und Selbstbeherrschung und wird mit zunehmender Nähe zum Königtum immer sicherer, ruhiger und klarer. Sein Leid, der Verlust von Freunden, die Last des Krieges, die Angst vor dem Scheitern, festigt ihn, zerbricht ihn aber nicht.
Simon dagegen beginnt als jemand ohne jede Ahnung von Größe oder Bestimmung. Er stolpert in die Geschichte hinein, oft aus Neugier oder Zufall, und wächst an den Prüfungen, die ihm begegnen. Anders als Aragorn muss Simon erst lernen, die Welt ernst zu nehmen, und vor allem sich selbst. Seine Entwicklung ist geprägt von Staunen, Fehlern und langsamer Reifung. Wo Aragorn Autorität ausstrahlt, lernt Simon sie erst. Er ist kein geborener Anführer, sondern jemand, der Verantwortung annimmt, weil es notwendig ist – nicht, weil sie ihm zusteht.
Fitz wiederum steht in starkem Kontrast zu beiden. Auch er ist von königlichem Blut, doch diese Herkunft ist für ihn keine Quelle von Würde, sondern von Scham und Isolation. Während Aragorns Abstammung ihn stärkt und Simons Unwissenheit ihn schützt, wird Fitz’ Identität zur Last, die ihn von anderen trennt. Seine Geschichte ist weniger eine Heldenreise als ein fortwährender Kampf um emotionelles Überleben. Fitz kennt seine Aufgabe sehr früh, doch sie ist nicht mit Anerkennung verbunden, sondern mit Geheimhaltung, Selbstverleugnung und Opferbereitschaft. Wo Aragorn wächst, indem er sich offen zeigt, und Simon, indem er dazulernt, wächst Fitz, indem er Schmerz erträgt.
Auch im Verhältnis zur Macht zeigen sich diese Unterschiede deutlich. Aragorn nutzt Macht zurückhaltend und mit moralischer Klarheit; sie ist für ihn ein Werkzeug zur Heilung und Ordnung. Simon steht der Macht oft staunend gegenüber, eingebettet in Mythen, Prophezeiungen und alte Geschichten, deren Gewicht er erst nach und nach begreift. Fitz hingegen erlebt Macht als etwas Intimes und Gefährliches. Seine magischen Fähigkeiten vertiefen seine Einsamkeit und zwingen ihn, Grenzen zu überschreiten, die ihn selbst beschädigen. Magie ist für ihn kein Zeichen von Größe, sondern von Verletzlichkeit.
Letztlich verkörpert Aragorn eine idealisierte, fast zeitlose Vorstellung von Königtum und Verantwortung. Er ist der gerechte Herrscher, der im richtigen Moment hervortritt. Simon repräsentiert den klassischen, menschlichen Reifungsprozess innerhalb einer großen epischen Erzählung. Fitz dagegen ist die moderne, gebrochene Variante desselben Motivs – ein Mensch, der tut, was getan werden muss, ohne je sicher zu sein, ob es ihn selbst kostet.
Die drei Figuren sind wie Spiegel unterschiedlicher Epochen der Fantasy. Aragorn als Mythos, Simon als Übergang, Fitz als psychologisch-realistische Dekonstruktion. Gemeinsam ist ihnen die Loyalität zur Welt, die sie retten helfen, doch der Preis, den sie dafür zahlen, könnte unterschiedlicher kaum sein.
“Der Herr der Ringe” erschien erstmals am 29. Juli 1954 unter dem Titel “The Fellowship of the Ring” im englischen Original. Schon damals wurde der Roman aus wirtschaftlichen Gründen in drei Teile getrennt. Band 2 erschien im November 1954 und Band 2 im Oktober 1955. In Deutschland wurde der Roman im Jahre 1969 zum ersten Mal veröffentlicht.
König Simons Geschichte begann am 25. Oktober 1988 im englischen Original. Die gebundene deutsche Erstausgabe erschien 1991, das Taschenbuch folgte erst 1996. Das Ende folgte mit den Kindern der Seefahrer im Herbst 2024 im Original und im Herbst 2025 als deutsche Ausgabe. Tad Williams hat also 36 Jahre (oder länger) an diesen Romanen rund um König Simon geschrieben.
Fitz Chivalrics Geschichte begann im Mai 1995 im englischen Original mit dem Buch “Assessin’s Apprentice” bzw. 1996 mit der deutschen Übersetzung “Der Adept des Assassinen”. Seine Geschichte endete 2017 mit dem Buch “Assassin’s Fate” bzw. 2019 in der deutschen Übersetzung “Die Tochter des Wolfs”. Robin Hobb schrieb immerhin mindestens 22 Jahre an den Büchern. Robin Hobbs Bücher wurden teilweise in unterschiedlichen Verlagen mit unterschiedlichen Titeln veröffentlicht. Alle Titel und Veröffentlichungen finden sich in meiner Übersicht.
Fantasy-Epen sind zwar zeitlos, keine Frage, aber die Rolle der Figuren in den Romanen sind dann doch vom jeweiligen Zeitgeist abhängig, zu denen die Bücher jeweils geschrieben wurden. Ich finde das sehr spannend und hoffe, dass Du lieber Leser bzw. Leserin meine Leidenschaft teilen kannst.

Der Büchernarr schreibt hauptsächlich über Bücher aus den Genres Fantasy und Horror. Manchmal schleichen sich Bücher anderer Genres in diesen Buchblog ein, so dass hier auch Biografien, historische Romane oder Kinderbücher zu finden sind.