Das Feld der Rosen ist der Abschluss seiner „The Book of Dust“-Trilogie und erzählt das letzte Kapitel von Lyras Geschichte, die in „His Dark Materials“ begann. Wo viele Leser (mich eingeschlossen) ein großes literarisches Finale erwarteten, wurde von Philip Pullman lediglich ein bewusst leiser, fast zurückhaltender Schlusspunkt gesetzt. Auch wenn die ersten beiden Bände es schon erahnen ließen, dass diese Trilogie etwas anders ist, so dachte ich schon, dass es zu einem emotionalen, klaren Ende kommen würde.
Pullman bleibt sich zwar treu und setzt weiterhin auf philosophische Tiefe, gesellschaftskritische Untertöne und die vielschichtige Auseinandersetzung mit Themen wie Bewusstsein, Wahrheit und Selbstbestimmung. Doch genau diese Stärke wird im Abschlussband zur größten Schwäche. Die Handlung wirkt über weite Strecken fragmentiert und zahlreiche Handlungsstränge werden lediglich angerissen, und leider nicht konsequent zu Ende geführt. Politische und religiöse Machtstrukturen, die zuvor mit großem Aufwand aufgebaut wurden, verlieren im Finale an Gewicht oder verlaufen sich schlicht im Ungefähren. Statt eines klaren Abschlusses entsteht der Eindruck, dass bewusst Lücken gelassen werden, was als künstlerische Entscheidung gedacht sein mag, sich jedoch unbefriedigend anfühlt.
Besonders deutlich wird diese Problematik in der Entwicklung der Hauptfigur. Lyra, die der Autor zu einer lebendigen und intuitiven Figur aufgebaut hat, erscheint hier lange Zeit entfremdet von sich selbst. Ihre Rationalität, ihre Unsicherheit und ihre Distanz prägen große Teile des Romans. Diese Entwicklung mag nachvollziehbar und thematisch sinnvoll sein, denn schließlich geht es um Verlust, Identität und das Ringen um Sinn in einer komplexen Welt, aber sie bleibt dadurch emotional schwer greifbar. Die Verbindung, die viele Leser einst zu ihr aufgebaut haben, wird in Folge dessen brüchig.
Ich denke, dass ich nicht zu viel verrate, wenn ich schreibe, dass es zur Wiedervereinigung von Lyra und Pan kommen wird. Was ich als zentrales Element des Finales erwartet habe, kommt anders als gedacht. Die symbolische Bedeutung ist zweifelsohne vorhanden, denn sie steht für Versöhnung, Ganzwerdung und die Rückkehr zu einem Gleichgewicht zwischen Verstand und Gefühl. Dennoch wirkt dieser Moment erstaunlich unspektakulär. Was als emotionaler Höhepunkt gedacht ist, entfaltet nicht die Wucht, die ich nach dieser langen Reise erwartet hatte. Zu subtil, zu zurückgenommen bleibt die Inszenierung, ganz so als würde Pullman bewusst jede Form von Pathos vermeiden. Mag sein, dass einige Leser genau darin die Stärke des Romans sehen, für mich jedoch entsteht der Eindruck, dass das emotionale Potenzial nicht ausgeschöpft wurde.
Hinzu kommt, dass das Ende insgesamt weniger wie ein Abschluss als vielmehr wie ein Übergang wirkt. Es gibt keinen klar definierten Endzustand, keine endgültige Auflösung der großen Fragen. Stattdessen bleibt vieles in Bewegung, vieles offen. Diese Offenheit ist zweifellos konsequent im Hinblick auf Pullmans Weltbild, das sich einfachen Antworten verweigert. Doch sie verlangt auch viel vom Leser ab. In meinen Augen zu viel für ein Werk, das als Finale einer jahrzehntelangen Erzählung fungiert.
Fazit
“Das Feld der Rosen” ist ein ambivalentes Leseerlebnis. Literarisch anspruchsvoll, thematisch reich und stilistisch gewohnt souverän, scheitert es aus meiner Sicht vor allem an den Erwartungen, die es selbst geweckt hat. Wer ein großes, emotionales Finale sucht, wird hier nicht fündig. Wer bereit ist, sich auf ein offenes, nachdenkliches und bewusst unvollständiges Ende einzulassen, kann in diesem Buch vielleicht einen stimmigen Abschluss erkennen. Ich tue es nicht.
Unterm Strich überwiegt bei mir das Gefühl, dass Lyras Geschichte mehr verdient hat. Mehr Klarheit, mehr emotionale Tiefe, mehr Abschluss. Pullman entscheidet sich bewusst dagegen. Das mag konsequent sein, ist aber nicht befriedigend.
Schon zu den ersten beiden Bänden der Trilogie habe ich mit Verwunderung auf die merkwürdige Einordnung des Carlsen Verlags geblickt. Dieses Buch ist nämlich nicht “His Dark Materials 5″, sondern “The Book of Dust 3″.
Pullman hat zwei Trilogien geschrieben. Die erste Trilogie „His Dark Materials“ war geprägt von weltumspannenden Themen, wie z.B., was Staub ist und wie das Magisterium die Herrschaft behalten möchte. Es ist eine Fantasy-Trilogie, wie sie der Leserschaft bekannt ist.
„The Book of Dust“ bleibt mehr bei den Figuren und schaut auf deren Geschichte und vernachlässigt dabei leider die übergeordneten Themen. In dieser Trilogie geht es hauptsächlich um Lyra und Lyras Konflikte. Ich könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass diese zweite Trilogie eher eine Ergänzung zur ersten ist.
Warum der Carlsen Verlag dieser Sonderweg eingegangen ist, bleibt mir sehr schleierhaft. Eine “Book of Dust”-Trilogie wird es in Deutschland nicht geben. Dennoch empfehle ich, die beiden Trilogien in der Reihenfolge zu lesen, wie sie erschienen sind, und nicht wie der Carlsen Verlag sie nummeriert hat.
Meine empfohlene Lese-Reihenfolge (in Klammern die deutsche Zählweise):
His Dark Materials
1. Der goldene Kompass (His Dark Materials 1)
2. Das magische Messer (His Dark Materials 2)
3. Das Bernstein-Teleskop (His Dark Materials 3) (nicht auf diesem Blog vorgestellt)
The Book of Dust
- Über den wilden Fluss (His Dark Materials 0)
- Ans andere Ende der Welt (His Dark Materials 4)
- Das Feld der Rosen (His Dark Materials 5)
Titel: Das Feld der Rosen: His Dark Materials, Band 5
Autor: Pullman, Philip
Sprecher: Beck, Rufus
Genre: Hörbuch / Fantasy
Hörzeit: 24 Stunden und 57 Minuten
Verlag: Silberfisch
Print: Knaur
Originaltitel: The Rose Field (The Book of Dust 3)
Übersetzer: Antoinette Gittinger
Herkunft: USA
Jahr: 2025 / 2026 (org./dt.)
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Schönen guten Morgen!
Ja, das war irgendwie nicht das, was man erwartet hat. Zu viele Themen wurden hier für mich reingepackt und nichts davon wirklich auserzählt… echt schade. Ich konnte auch wenig mitfühlen, aber ich war trotzdem immer gespannt beim Lesen, weil ich gehofft habe und der Nostalgie Faktor tatsächlich immer mitgeschwungen ist 🙂
Schade, das hätte wirklich besser werden können.
Liebste Grüße, Aleshanee
Guten Morgen Aleshanee,
ja, hier sind wir wieder vollkommen auf gleicher Wellenlänge. Ich fand die erste Trilogie auch klasse und war auch froh, dass sie als Serie richtig gut verfilmt wurde. Und ja, die Hoffnung stirbt bekanntlich zu Letzt 🙂 Ich hatte tatsächlich auch immer wieder Hoffnung, dass jetzt mehr kommt. Aber irgendwann fragst Du Dich unweigerlich, wie es wohl enden mag oder ob Pullman nicht doch noch einen vierten Teil plant. Leider hatte ich bei allen Teilen dieser Trilogie dieses Gefühl 🙂
Herzliche Grüße
Frank