[Horror] Die Villa

Wenn Markus Heitz einen Horror-Roman schreibt, der „Die Villa“ heißt, dann liegt es auf der Hand, dass hier ein Haus-Horror-Roman vor­liegt. In sei­nem Nachwort schreibt der Autor zwar, dass er dem Leser etwas Neues bie­ten woll­te, aber der gestan­de­ne Horror-Leser wird hier nur wenig Überraschungsmomente fin­den. Das ist natür­lich nicht tra­gisch, denn gut geschrie­ben ist der Roman den­noch.

Die Handlung beginnt etwas merk­wür­dig, weil sich die dezent mit­tel­lo­se Doreen in einer Zwangsversteigerung wie­der­fin­det, bei der sie unter sehr mys­te­riö­sen Umständen eine Villa für 100 Euro erstei­gert. Sehr zum Leidwesen eines Bodybuilders, der sich sei­nem Erbe beraubt fühlt und eines Anwalts eines Immobilienhai-Konzerns, die bei­de Interesse an der Villa haben, aber nicht mit­stei­gern durf­ten.

Kaum ein­ge­zo­gen, häu­fen sich merk­wür­di­ge Vorfälle, deren Ursache die Tochter der frisch­ge­ba­cke­nen Hausbesitzerin am ehes­ten her­aus­be­kommt. Als Nebenhandlung sucht ein Engländer nach der dunk­len Vergangenheit sei­ner Familie, die wenig über­ra­schend mit der Villa in Zusammenhang steht. Dass die­se Handlung in England beginnt, wäre auch ohne die „Heitzche Kapiteleinführung“ klar gewe­sen. Aber sehr offen­sicht­lich mag der Autor die­se Einleitungen. Ebenso wie die ein oder ande­re doch recht bru­ta­le Schilderung vom Vergehen eines Menschen. Oder derer vie­le, denn vie­le Figuren ver­las­sen die Geschichte vor­zei­tig.

Ich habe dar­auf gewar­tet, dass Markus Heitz am Ende die­sen Roman und das Zusammenführen der bei­den Handlungsstränge etwas krea­ti­ver ange­gan­gen wäre. Ist er aber nicht, was ich sehr scha­de fin­de, denn das hät­te dem Roman sehr gut­ge­tan. So bleibt am Ende ein grund­so­li­der Haus-Horror-Roman mit vie­len bekann­ten Elementen, aber den­noch einem hohen Unterhaltungswert.

achtung explizite gewaltdarstellung

⚠️Achtung⚠️Dieses Buch ent­hält expli­zi­te Beschreibungen von Gewalt und ist somit nicht für min­der­jäh­ri­ge oder zart besai­te­te Leser geeig­net.

haus fuehlingen

Lieber Herr Heitz, Ihnen ist ein Fehler unter­lau­fen. Die Villa steht nicht in Leipzig, son­dern in Köln. „Haus Fühlingen“ steht  etwas abseits des klei­nen Kölner Vororts Fühlingen, in dem ich mei­ne Kindheit ver­bracht habe. Die Villa wur­de von Eduard Freiherr von Oppenheim anno 1884 erbaut und besaß frü­her ein Gestüt, Stallungen, eine Reithalle, Parkanlagen und eine eige­ne Pferderennbahn.

Die Villa ist mitt­ler­wei­le als Geistervilla und Lost Place sehr bekannt. Weil die Geschichte des Hauses nach und nach in Vergessenheit gerät, die­se aber sehr span­nend ist, hier ein klei­ner Abriss der Geschichte des Hauses. Das Erstaunliche ist näm­lich, dass es vor 30 Jahren deut­lich mehr Informationen zu die­sem Anwesen gab, die­se aber dahin­brö­ckeln und selbst heu­te vie­les nur noch mit einem Fragezeichen erzählt wer­den kann. Stoff für einen Horror-Roman bie­tet das Haus aber in jedem Fall.

Die Geschichte von Haus Fühlingen

Wann genau Eduard von Oppenheim das Gelände kauf­te, ist mitt­ler­wei­le nicht mehr gesi­chert über­lie­fert. Die Angaben schwan­ken zwi­schen 1880 und 1884. Die Familie Oppenheim gehör­te zu den bedeu­tends­ten jüdi­schen Bankiersfamilien Kölns und war weit über die Stadtgrenzen bekannt. Einige his­to­ri­sche Karten zei­gen ein Areal von etwa 53 Hektar. Das “Oppenheimhaus” war also kein ein­fa­ches Landhaus, son­dern ein gewal­ti­ges Anwesen.

Damals sah die Gegend grund­le­gend anders aus. Dort, wo sich heu­te ein sehr gro­ßer See befin­det, war frü­her die Fühlinger Heide. Die Rennbahn befand sich auf der gegen­über­lie­gen­den Seite der heu­ti­gen Neusser Landstraße, also unge­fähr dort, wo heu­te gro­ße Teile des Fühlinger Sees und sei­nes Umfelds lie­gen. Die Landstraße kam natür­lich sehr viel spä­ter und auch der heu­ti­ge Fühlinger See wur­de erst spä­ter zuerst als Kiesgrube genutzt und spä­ter als See umge­stal­tet.

Hier hat der Mensch die Landschaft grund­le­gend ver­än­dert, denn der heu­ti­ge Fühlinger See hat mit dem ursprüng­li­chen Erscheinungsbild des Ortes nichts mehr gemein­sam.

Die Freude an dem Anwesen währ­te für Herrn Oppenheim nicht beson­ders lang, denn er ver­kauf­te das Anwesen im Jahre 1907 und ver­starb nur zwei Jahre spä­ter im Alter von 77 Jahren. Der Fluch des Hauses war gebo­ren.

Um das Haus Fühlingen als Spukhaus zu ver­ste­hen, muss man in der Geschichte aller­dings ein biss­chen zwei­ter zurück­ge­hen. Im Jahre 1288 soll sich auf dem Grundstück die Schlacht von Worringen ereig­net haben. Die Aussage ist aller­dings gesi­chert falsch, denn die­se fand auf dem Gebiet zwi­schen den Kölner Stadtteilen Worringen und Fühlingen bzw. zwi­schen der Fühlinger Heide und dem Worringer Bruch statt. Übrigens waren bei­de Stadtteile sei­ner­zeit eigen­stän­di­ge Ortschaften und wur­den erst spä­ter ein­ge­mein­det.

Es passt aber bes­ser zu einer Spukgeschichte, wenn eine Villa auf einem ehe­ma­li­gen Schlachtfeld und somit auf unzäh­li­gen Gebeinen errich­tet wur­de.

Während des Zweiten Weltkriegs wur­de Haus Fühlingen als Unterkunft für Zwangsarbeiter genutzt. Der dama­li­ge Pächter des Gutshofes war Ernst Kolb. Im Haus leb­ten neben sei­ner Familie unzäh­li­ge Zwangsarbeiter, die dem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb zuge­wie­sen wur­den. Haus Fühlingen war gesi­chert eine Zwangsarbeitsstätte.

Unter den Zwangsarbeitern war der jun­ge Pole Edward MargolEr war als pol­ni­scher Zwangsarbeiter nach Köln ver­schleppt wor­den und arbei­te­te auf dem Gut. Ernst Kolb beschul­dig­te Margol, sich sei­ner min­der­jäh­ri­gen Tochter unsitt­lich genä­hert zu haben. Damals wur­den sol­che Anschuldigungen auch ohne ordent­li­chen Gerichtsprozess geahn­det und der damals 19-jäh­ri­ge Margol wur­de auf Geheiß der Kölner Gestapo am 15.01.1943 in der alten Ziegelei an der Neusser Landstraße erhängt.

Heute weiß man, dass er zu Unrecht ver­ur­teilt wur­de und es ran­ken sich meh­re­re Gerüchte um sei­nen Tod. Die roman­tischs­te Variante besagt, dass sich Margol in die Tochter des Gutshofbesitzers ver­liebt, der Vater die Beziehung ent­deckt, ihn denun­ziert und damit sei­nen Tod ver­ur­sacht hat.

Eine sol­che “Romeo-und-Julia”-Geschichte passt eben­falls viel bes­ser zu den Spukgeschichten, ist aber eben­falls falsch. Margol soll aber bis heu­te auf dem Anwesen auf der Suche nach Gerechtigkeit und sei­ner Geliebten her­um­ir­ren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang­te das Haus in den Besitz der Erbengemeinschaft von Buttlar. Einer der Erben soll Gerhard van Kempen gewe­sen sein. Van Kempen war wäh­rend der NS-Zeit Richter und zog spä­ter mit sei­ner Frau Alice in Haus Fühlingen ein.

Und wie­der schlug der Fluch des Hauses zum denn van Kempen erhäng­te sich in der Silvesternacht 1962 im zwei­ten Obergeschoss des Hauses. Das ent­schei­den­de Detail an die­sem Suizid, dass er an der Ermordung von Kompol betei­ligt gewe­sen sein soll.

1963 kauf­te die Stadt Köln kauft das Anwesen samt der dazu­ge­hö­ri­gen Ländereien. Die Frau des Richters leb­te nach sei­nem Tod wei­ter­hin in dem Haus und hat­te ein lebens­lan­ges Wohnrecht. Sie bewohn­te das Haus bis 1999 oder 2000. Ich selbst ken­ne das Haus noch bewohnt, wobei die älte­re Dame ohne Erben ledig­lich im Erdgeschoss der Villa leb­te. Alleine wohl­ge­merkt. Schon zu die­ser Zeit ver­fie­len die obe­ren Geschosse und die Nebengebäude, um die sich nie­mand küm­mer­te. Damals war das Gelände kaum abge­si­chert und so man­cher Jugendliche trau­te sich in die nicht bewohn­ten Gebäudeteile der Villa.

Der Spuk des Hauses ging aber wei­ter, denn im Jahre 2007 wur­de die Leiche eines Mannes im Gebäude gefun­den, der sich dort unter mys­te­riö­sen Umständen das Leben nahm.

Schon 2004 ver­kauf­te die Stadt Köln das Anwesen an den pri­va­ten Investor Jens Liewald, der das Gebäude restau­rie­ren und ver­schwun­de­ne Gebäudeteile teil­wei­se wie­der errich­ten und Wohnungen schaf­fen woll­te.

Seit unge­fähr 2008 gab es immer wie­der Pläne, Haus Fühlingen zu sanie­ren. Es wur­de zuerst an ein Hotel gedacht, dann an eine Jugendherberge, spä­ter soll­ten ein­fa­che Wohnungen anschlie­ßend Luxuswohnungen ent­ste­hen. Dann gab es wie­der Ideen für eine Kombination aus his­to­ri­scher Sanierung und Neubau. Es gab sogar gro­ße Werbetafeln und Visualisierungen, die vor dem Gelände auf­ge­stellt wur­den.

2012 wech­sel­te das Haus erneut den Besitzer. Der neue Investor hieß zunächst Dolphin Capital, spä­ter Dolphin Trust und schließ­lich German Property Group (GPG). Die Planungen sahen unter ande­rem 34 Wohnungen und eine Tiefgarage vor, wobei die Pläne sogar zusätz­lich sechs Townhäuser als optio­na­le Ergänzung in Betracht zogen.

2017 wur­de tat­säch­lich ein Bauantrag ein­ge­reicht, der aber von der Stadt Köln 2018 abge­lehnt wur­de. Das Gebäude stand näm­lich seit dem 01.06.1980 unter Denkmalschutz. Auch hier schlug der Fluch des Hauses zu, denn die­se Entscheidung der Stadt war fatal, und der Investor mel­de­te Insolvenz an und das Haus ver­fiel wei­ter­hin.

2020 wur­de das Gebäude fach­lich unter­sucht. Die Stadt kam zu dem Ergebnis, dass die ursprüng­li­che his­to­ri­sche Bausubstanz inzwi­schen so stark ver­lo­ren gegan­gen war, dass die Voraussetzungen für einen Denkmalstatus nicht mehr gege­ben sei­en. Somit wur­de im Mai 2023 Haus Fühlingen aus der Denkmalliste gestri­chen (drei Jahre sind für die Stadt eine übli­che Bearbeitungszeit).

Das Haus ver­lor sei­nen Denkmalschutz nicht, weil man beschlos­sen hät­te, es sei his­to­risch unbe­deu­tend. Es ver­lor ihn, weil so viel ori­gi­na­le Bausubstanz durch jahr­zehn­te­lan­gen Verfall ver­lo­ren gegan­gen war.

Bis heu­te gibt es Berichte von Lichterscheinungen, Schatten und Schemen, die um das Haus schlei­chen. Das Haus ist mitt­ler­wei­le mit meh­re­ren mas­si­ven Stahlzäunen gesi­chert, damit nie­mand in Versuchung gerät, die Geister des Hauses zu stö­ren. Zudem ist das Haus mas­siv ein­sturz­ge­fähr­det und es wird wohl nicht mehr lan­ge dau­ern, bis es sich selbst abreißt.

Schon zu der Zeit, als ich das Haus vor etwas 30 Jahren betre­ten habe, war es in einem desas­trö­sen Zustand und der Zutritt nicht ohne Risiko. Und schon damals war klar, dass nie­mand an die­sem Haus etwas machen wür­de, weil die Auflagen des Denkmalschutzes vie­le Pläne zunich­te mach­ten. Und nun scheint es soweit zu sein, dass außer einem Abriss kei­ne wei­te­re Option in Frage kommt.

Mit dem Fluch, der auf die­sem Areal liegt, dürf­te sich die Natur das Areal nach und nach zurück­er­obern.

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cover

Titel: Die Villa
Autor: Heitz, Markus
Genre: Horror
Seitenzahl: 339
Verlag: Knaur Verlag

Herkunft: Deutschland
Jahr: 2026

Dieses Buch wur­de mir über die Plattform Netgalley als E‑Book zur Verfügung gestellt. NetGalley gibt kei­ner­lei Vorgaben über die Art und Weise, wie Bücher bewer­tet oder vor­ge­stellt wer­den. Mehr Infos dazu auf der Seite “Über die­sen Blog”.

Markus Heitz ist ein Vielschreiber, der sich in vie­len Genres wohl­fühlt. Ich habe zwar schon so man­ches Buch gele­sen und hier vor­ge­stellt, aber es feh­len noch signi­fi­kant vie­le. Zudem gefal­len mir nicht alle sei­ne Bücher, son­dern sein Gesamtwerk hat bis­her ein gemisch­tes Bild bei mir hin­ter­las­sen. Mehr dazu in mei­ner Übersicht.

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