Es ist nach „The Stand“ das zweitlängste Buch von Stephen King. Da wundert es wenig, dass diese Hörbuchfassung mit einer Länge 52 Stunden und 3 Minuten sehr umfangreich ist. Weniger verständlich ist, weshalb sie sieben Stunden länger dauert als die englische Originalfassung. Eingesprochen wurde es wieder von David Nathan, der wieder einmal unter Beweis stellen konnte, wie gekonnt er ein solches Werk einsprechen kann und damit die Stimmung der Geschichte sehr gut wiedergibt.
Es sind sicherlich Bücher wie diese, weshalb Stephen King eine zu derbe Sprache vorgeworfen wird. Es finden sich im Buch immer wieder politisch sehr unkorrekte Phrasen wieder, so dass die Diskussionen um das sogenannte „N‑Wort“ als Bezeichnung für schwarze Menschen wie ein Kindergeburtstag klingen. Auch die „Makel“ der Hauptfiguren, die zum Klub der Verlierer gehören, sind alles andere als politisch korrekt. So stottert Bill, während Ben stark übergewichtig ist, Mike ein Schwarzer und Stan ein Jude. Beverly ist arm, Richie Brillenträger, der sein loses Mundwerk nicht unter Kontrolle hat, und Eddie ist klein und kränklich.
Ich habe das Buch Anfang der 90er zum ersten Mal gelesen und war erstaunt, was ich alles bis heute vergessen hatte. Passend zur Geschichte, denn diese ist in meinen Augen von Stephen King genial aufgebaut. Das Buch wird in zwei Zeiten erzählt. Zum einen spielt die Handlung im Jahre 1958, als sich die sieben Kinder im Alter von plusminus 11 Jahren zusammenfinden und den Klub der Verlierer gründen und zum anderen im Jahre 1985, als sie sich zum zweiten Mal zusammenrotten. Und beide Male, um gegen Es zu bestehen.
Das Besondere dabei, dass sechs Kinder Derry verlassen haben (die Ortschaft in Maine, in der sich das Drama abspielt), alle erfolgreich wurden, kinderlos blieben und alles vergessen haben, was damals passierte. Erst nach und nach kommen die Erinnerungen wieder und jeder erzählt davon, was ihm widerfuhr. Diese beiden Zeitlinien mit den jeweiligen Erzählungen verlaufen mehr oder minder parallel, da King immer wieder in einem Kapitel und einer Zeitlinie einen Satz unterbrach, um ihn im nächsten Kapitel und in der anderen Zeitlinie zu vollenden. Vor allem als Hörbuch hat es viel Spaß gemacht, dieser Verstrickung zu folgen.
Mir war auch vollkommen entfallen, dass King relativ viele Informationen zum „Es“ zusammengetragen hatte, die in den Verfilmungen gar keine Rolle gespielt hatten. Es gibt zwar die ein oder andere Logiklücke in diesem Konstrukt, aber seis drum, das verzeihe ich dem Autor.
(Eine der heftigsten: Die Schildkröte und Es leben in einer Art Parallelwelt und sind als übermächtige Wesen von den Menschen nicht in ihrer wahren Gestalt zu ertragen. Es gibt noch ein mächtigeres Wesen, dass die beiden erschuf. Allein das ist schon, naja, zumindest eine fragwürdige alternative Welt. Wieso aber Es weiblich sein muss, und auf der Erde Eier legen möchte, die unvorstellbar lange in ihr gereift sind, passt so überhaupt gar nicht zu einem quasi unsterblichen Wesen.)
Fazit
Dieses Buch gilt heutzutage als Klassiker der Horror-Literatur und hat Stephen King neben anderen frühen Werken den Stempel des „Horror-Autors“ aufgedrückt. Die Idee, einen Clown als Horror-Figur zu verwenden war auch damals nicht neu, aber durch dieses Buch ist diese Figur sicherlich so bekannt geworden. So derb die Sprache des Romans auch ist, so gut ist er erzählt.
Ich finde, dass dies eines jener Bücher ist, die man bedenkenlos mehrmals lesen und hören kann, ohne dass es langweilig wird. Und leider gibt es heutzutage viel zu wenig gute Horrorbücher, die sich mit solchen Werken messen lassen können.
Übersetzungen
Bei den Büchern von Stephen King gab und gibt es immer wieder Diskussionen um die fehlerhaften Übersetzungen. Neben unterschiedlichen Deutungen kommt bei „ES“ erschwerend hinzu, dass die deutsche Erstausgabe die Weltpremiere war und somit vor dem englischen Original erschien. Blöd nur, dass Stephen King in der Zwischenzeit sein Manuskript änderte, so dass sich allein deshalb die Versionen unterschieden.
Für die Erstübersetzung zeichnete sich Alexandra von Reinhardt verantwortlich. Diese Fassung wurde später von Joachim Körber überarbeitet und schon teilweise neu übersetzt. Aber erst 2011 ließ der Heyne Verlag zahlreiche Werke neu übersetzen, so dass erst durch die Überarbeitung von Anja Heppelmann alle Übersetzungsfehler ausgebügelt wurden. Auf dieser Version basiert auch das vorliegende Hörbuch.
Sehr unterschiedlich wurde der Zungenbrecher übersetzt, mit dem Bill Denbrough seinem Stottern in Griff bekommen wollte. Im englischen Original lautet er so:
„He thrusts his fists against the posts and still insists he sees the ghost.“
In der ersten Übersetzung wurde daraus:
„Er schlägt die Faust hernieder, doch sieht lange er die Geister noch.“
Deepl schlägt indes folgenden Text vor:
„Er schlägt mit den Fäusten gegen die Pfosten und behauptet immer noch, er sehe den Geist.“
Und keine Ahnung, wie aus diesen Sätzen in der Neuübersetzung folgender Satz entstehen konnte, der bei mir zu einem dezenten Ohrwurm wurde:
„Im finstren Föhrenwald, da wohnt ein greiser Meister. Er ficht gar furchtlos kalt sogar noch feiste Geister.“
Zusatzinfos
„Dieses Buch wurde am 09. September 1981 in Bangor, Maine, begonnen und am 28. Dezember 1985 in Bangor beendet.“ So enden alle Bücher in allen Versionen.
Ich habe das Buch im Jumbo-Format in der 15. Auflage von 1991 im Alter von 17 Jahren gelesen. Das Buch kam trotz seines Sonderformats auf 860 Seiten, die zudem, wie seinerzeit üblich, eng bedruckt waren. Das aktuelle Taschenbuch kommt auf stolze 1540 Seiten.
Zu diesem Buch gibt es zwei Verfilmungen. Beide Male wurde das Buch in zwei Teilen verfilmt. Die erste Doppelfolge erschien am 18. und 20. November 1990. Ich hatte den Film damals als VHS-Kassette. Leider habe ich heutzutage weder Kassette noch VHS-Rekorder. Beide Folgen haben eine Spieldauer von gut 190 Minuten, also etwas mehr als drei Stunden. Diese Verfilmung hält sich relativ dicht an die Vorlage, hat aber dennoch zahlreiche Ereignisse weggelassen und auch das Ende massiv geändert. Die verschlungene Erzählweise wurde aber beibehalten, weshalb ich den Film trotz seines Alters ganz gut finde.
Die zweite Verfilmung erschien ebenfalls in zwei Teilen in den Jahren 2017 und 2019, wobei die Handlungen getrennt wurden. Ich fand, dass diese Trennung der Handlung ihrem Pfiff genommen hatte, und diese Verfilmungen haben die Seele des Buchs überhaupt nicht transportieren können. Die Spieldauer ist mit 130 und 165 Minuten deutlich länger. Wenn ich mich richtig entsinne, hatten sich vor allem 2017 viele „Witzbolde“ als Pennywise verkleidet und die Leute erschreckt. Ein besseres Marketing kann man sich wohl nicht vorstellen.
2025 kam auf HBO eine Serie „Welcome to Derry“ auf den Markt, die die Vorgeschichte erzählt. Diese Serie habe ich bisher noch nicht gesehen, werde sie mir aber vermutlich kaufen, wenn diese mal im Angebot ist. Oder ich buche den Kanal für 6 Euro im Monat und lege einen Serienmarathon hin.
Mehr zu den Verfilmungen findet sich in einem Folgebeitrag.
Titel: ES
Autor: King, Stephen
Sprecher: Nathan, David
Genre: Horror / Hörbuch
Hörzeit: 52 Stunden und 3 Minuten
Verlag: Audible Studios
Print: Heyne
Originaltitel: IT
Übersetzer: siehe Kasten oben
Herkunft: USA
Jahr: 1986 / 2011 (Print / Hörbuch)
Die auf diesem Blog veröffentlichten Buchbesprechungen zu Büchern von Stephen King sind mittlerweile auf einer eigenen Seite zu finden.
Empfehlenswerte Horrorbücher (Romane wie Graphic Novels), die auf diesem Blog vorgestellt wurden, finden sich unter Rubrik “Der blanke Horror”.
Werbung
Dieses Hörbuch habe ich im Rahmen meiner Audible-Mitgliedschaft gehört. Noch kein Mitglied? Dann teste Audible. Wer über den Link Audible testet, erhält nicht nur das erste Hörbuch kostenfrei, sondern unterstützt diesen Blog indirekt, da ich dafür eine kleine Provision erhalte.
Die Verweise zu Amazon sind mit Affiliate-Links (Link zum Hörbuch / Link zum Print) versehen. Das heißt, dass mit einem Kauf über einen dieser Links, ich von Amazon eine kleine Provision erhalte. Auf den Preis hat das keine Auswirkung.

Der Büchernarr schreibt hauptsächlich über Bücher aus den Genres Fantasy und Horror. Manchmal schleichen sich Bücher anderer Genres in diesen Buchblog ein, so dass hier auch Biografien, historische Romane oder Kinderbücher zu finden sind.
Hallöchen!
Ich finde es immer spannend, wenn ich von Rereads lese. Es ist auch interessant herauszufinden, wie man heute auf ein Buch/Hörbuch reagiert, das man vor vielen Jahren geliebt hat.
Da ich mich im Horror-Genre nicht ganz so wohlfühle, habe ich ES nie gelesen, fand deine Schilderungen aber sehr spannend. Warum die deutsche Hörbuch-Fassung 7 Stunden länger ist, bleibt wohl ein Rätsel.
Liebe Blubbergrüße
Anka
Hi Frank!
Ich hab das Buch tatsächlich auch in meiner Jugend zum ersten Mal gelesen – auch mit diesem riesigen roten Wälzer, den ich mir von meinem Bruder stibitzt hab 😀
Ich hab es zwar stellenweise als sehr ausschweifend empfunden (beim re-read vor einigen Jahren), aber ich mag die Geschichte sehr! Allerdings frage ich mich gerade, warum die Jungs als politisch nicht korrekt empfindest? King hat typische “Außenseiter” in dieser Clique integriert und gezeigt, dass sie eben trotz ihrer von der Umwelt empfundenen “Defizite” sehr viel durchstehen und über sich hinauswachsen können… oder hab ich dich da falsch verstanden?
Liebste Grüße, Aleshanee
Guten Abend Frank,
dein rotes Backstein Exemplar von ES habe ich ebenfalls hier im Regal stehen und auch vor vielen Jahren gelesen.
Ich bin zwar kein Fan von rassistischen Aussagen jeglicher Art, allerdings hat King nur den Ton der Zeit, der damals LEIDER vorherrschte, verwendet und so eine realistischere Atmosphäre geschaffen.
David Nathan ist einer der besten Leser/Erzähler, die wir haben. Außerdem hat er eine sehr angenehme, einfühlende und mitreißende Stimme, die einen quasi in die Geschichten zieht.
Deine Zusatzinformationen zu ES ist super interessant. Danke auch dafür und deine tolle Rezension.
Cheerio
RoXXie