[Zeitzeugnis] Der Mann, der zu viel sah

Der Irak hat in sei­ner Geschichte schon sehr vie­le Kriege gese­hen. So auch im Jahre 2003, als US-ame­ri­ka­ni­sche Truppen mit ihren Verbündeten ein­mar­schier­ten. Die Kämpfe ende­ten offi­zi­ell 2010, und die Truppen zogen sich 2011 aus dem Irak zurück, was wenig über­ra­schend zur Folge hat­te, dass der IS (Islamische Staat) ab etwa 2014 wei­te Teile des Irak zurück­er­ober­te. 2016 begann die ira­ki­sche Regierung, das Staatsgebiet zurück­zu­er­obern, was offi­zi­ell Ende 2017 gelang.

Diese län­ge­re Einleitung brauch­te es mei­ner Meinung, um zu ver­ste­hen, wes­halb im April 2016 Ali Arkady vom Spiegel den Auftrag erhielt, eine Reportage über die Befreiung der Stadt Mosul zu erstel­len. Diese Graphic Novel erzählt von den zwei Monaten, in der der Journalist die ira­ki­schen Truppen der ERD (Emergency Response Division) beglei­ten durf­te. Nach den ers­ten Tagen stell­te sich aber schnell her­aus, dass die „Befreiung“ anders ver­lief, als er ursprüng­lich dach­te.

Er sah sich plötz­lich mit Kriegsverbrechen kon­fron­tiert und muss­te eini­ge Grenzen des jour­na­lis­ti­schen Kodex ver­let­zen. Er doku­men­tier­te die­se Verbrechen und mach­te sie spä­ter im Jahre 2017 publik, nach­dem er sei­ne Familie in Sicherheit brach­te. Diese Graphic Novel ent­stand auf Anregung von Simon Rochepeau, wobei Isaac Wens die Geschichte illus­trier­te. Hier fand ich die Aussage von Ali Arkady am Ende des Buchs sehr tref­fend, als er die Graphic Noivel als Kunstform beschreibt, in der gezeich­ne­ten Szenen weni­ger gewalt­tä­tig als rea­le Bilder wir­ken, und dadurch die Kriegsverbrechen deut­lich bes­ser der west­li­chen Gesellschaft näher­ge­bracht wer­den kann.

Und so ist es dann auch. Es gibt natür­lich Gewaltszenen zu sehen, aber ich den­ke, dass die­se zwar sehr gut illus­triert wur­den, aber nicht so dras­tisch wie Fotografien wir­ken, zumal hier und da bewusst Details weg­ge­las­sen wer­den. Ali Arkady zeigt wie von den Autoren gewollt die Kriegsverbrechen des ERD, ohne eine ver­stö­ren­de Graphic Novel zu kre­ieren. Natürlich muss der Leser nicht nur Interesse an bio­gra­fi­schen Graphic Novels zei­gen, son­dern sich auch poli­tisch für die Gräueltaten in einem der Konflikte im Irak inter­es­sie­ren.

achtung explizite gewaltdarstellung

⚠️ Achtung ⚠️ Dieses Buch ent­hält expli­zi­te Beschreibungen von Gewalt und ist somit nicht für min­der­jäh­ri­ge oder zart besai­te­te Leser geeig­net.

cover

Titel: Der Mann, der zu viel sah: Das erschüt­tern­de Zeugnis eines Kriegsfotografen
Autor: Rochepeau, Simon; Arkady, Ali
Illustrator: Wens, Isaac
Genre: Zeitgeschehen / Graphic Novel
Seitenzahl: 144
Verlag: Cross Cult
Band: 1 von 1

Originaltitel: L’Homme qui en a trop vu
Übersetzer: Silvano Loureiro Pinto
Herkunft: Frankreich
Jahr: 2024 / 2026 (org./dt.)

In mei­ner per­sön­li­chen Übersicht der emp­feh­lens­wer­ten Comics und Graphic Novels fin­den sich vie­le lesens­wer­te und zum Teil sehr beein­dru­cken­de Werke, die alle auf ihre Art und Weise einen Blick wert sind.

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