[Politik] Ungleich vereint

Vieles, was Steffen Mau in seiner Analyse anbringt, habe ich am eigenen Leib erfahren. Mir war bisher nur nicht bewusst, dass diese Erfahrung derart typisch ist. Ich bin im mittleren Westen heimisch und für mich war die Wende ein Ereignis, das irgendwo woanders stattfand. Ja, es war ein geschichtsträchtiges Ereignis, das mich aber in keinster Weise betraf. Und es hatte mich ebenso wenig interessiert. Nach der Wende hatte sich für mich persönlich nichts geändert.

Dabei hatten wir Verwandte im Osten Deutschlands und ich habe mittlerweile ostdeutsche Schwiegereltern. Diese habe ich gut 10 Jahre nach der Wende kennengelernt und sie haben sich zu dieser Zeit noch dagegen gewehrt, die DDR als Diktatur anzusehen. Damals habe ich überhaupt erst angefangen, über das Ost-West-Verhältnis nachzudenken und mir wurde bewusst, wie viel sich für die Menschen aus den neuen Bundesländern geändert hat und wie wenig für die Bewohner aus den alten Bundesländern. Da an den Schwiegereltern eine ganze ostdeutsche „Sippe“ hing, hatte ich plötzlich viele Einblicke in das Leben der Ostdeutschen von vor und nach der Wende. Und klar: Auch die Menschen aus der DDR hatten glückliche Momente und haben sich mit dem Leben arrangiert. Nicht alles, was aus den neuen Bundesländern kam, war schlecht. Die Menschen haben sich nicht unterdrückt gefühlt. Natürlich wussten die Menschen, dass es im Westen mehr zu kaufen gab und das die Supermarktregale voller waren, aber deshalb waren die Menschen nicht permanent zu Tode betrübt.

Und genau hier setzt der Sozialwissenschaftler Steffen Mau an, als er analysiert, dass der „Rechtsruck“ im Osten auf das „Nichtabholen“ der ostdeutschen Bevölkerung in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts zurückgeht. Und er schaut mit Sorge auf die Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen in diesem Jahr. Das Buch ist also topaktuell und der Autor bezieht sich immer wieder auf aktuelle Erkenntnisse und Ereignisse. Die aktuellsten Ereignisse rund um die AfD konnte er selbstredend nicht in sein Buch einflechten, aber es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen die aktuellen Entwicklungen auf die Europawahl haben werden (Anmerkung von nach dem 09.06: ich habe das Buch vor den Wahlen am 09.06.24 gehört. Und ich bin nach den Wahlen erstaunt, wie wenig Einfluss die Eskapaden rund um die AfD die Wähler interessierte.).

Am Ende bringt der Autor eine Idee ins Spiel, auf die seine Analyse hinauslaufen zu scheint. Er hatte mit seinem Buch einen Grundstock für die Empfehlung von Bürgerräten legen wollen. Dabei fordert er diese nicht, sondern empfiehlt diese bzw. regt an, diese als Modellversuch im Osten zu testen. Hier merkt man dem Autor an, dass er ein demokratisches Grundverständnis in sich trägt und dass er davon überzeugt ist, dass sich dieses auf lange Sicht auch in den Regionen durchsetzt, in denen die Rechten erstarken (das passiert bekanntlich nicht nur in Ostdeutschland). Zu erfahren, wie der Autor sich die Etablierung der Bürgerräte vorstellt, überlasse ich nun aber dem Autor und verweise auf sein lesenswertes Buch.

Ich habe das Buch als Hörbuch gehört. Ich höre zwar viele Hörbücher, aber nur selten Sachbücher. Hier passt die Stimme von Heiko Grauel sehr gut, denn durch seine ruhige und sachliche Intonation hat er dem Text die Ausdruckskraft verliehen, die ein Sachbuch haben muss.

Fazit

Auch 35 Jahre nach der Wende besteht ein großer Unterschied zwischen dem Leben in den neuen und alten Bundesländern. Der Ost-West-Gedanke ist viel präsenter als die Nord-Süd-Unterschiede. Warum dem so ist, analysiert der Autor Steffen Mau, der seines Zeichens Soziologe und Professor für Makrosoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin ist und viel tiefer in der Darstellung und Analyse deutscher Sozialkultur steckt als die meisten Leser seines Buchs es sein dürften. Vermutlich viel zu oft konnte ich dem zustimmen, was der Autor schreibt, und finde den Gedanken und die Idee der Bürgerräte sehr spannend und wünsche mir ebenso wie der Autor, dass die Politik den Mut besitzt, dieses Konzept einmal zu testen.

cover ungleich vereint

Titel: Ungleich vergeint – Warum der Osten anders bleibt
Autor: Mau, Steffen
Sprecher: Grauel, Heiko
Genre: Politik
Hörzeit: 4 Stunden und 33 Minuten
Verlag: Lagato Verlag
Print: Suhrkamp Verlag

5/5

Herkunft: Deutschland
Jahr: 2024

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